Digitalgedröhn und Zwangsmaßnahmen
4.Aufl., September 2026
Sehr geehrte liebe Patientinnen und Patienten,
ich bin seit 29 Jahren Hausarzt und mache meine Arbeit sehr gerne. Es fällt mir allerdings zunehmend schwerer, in diesem Deutschland des Jahres 2026 ein guter Arzt zu bleiben.
Seit der Einführung der elektronischen Systeme 1998 hat sich unser Arbeitsalltag spürbar verkompliziert.
Die anfangs noch überschaubaren Probleme mit vollkommen überteuerten Geräten, der Programm-Flut, den tagtäglich notwendigen "Appdäits", auf gut deutsch Ausbesserungen für den Programm-Mist, sowie die ständigen Störungen der unsicheren Datenverbindung verdrängen immer mehr Zeit für Sie, liebe Patientinnen und Patienten. Von den Kosten für diesen stark wuchernden Digitalterror mal ganz abgesehen.
Im Juni legte eine "Flächenstörung" der Telekom für 10 Tage den digitalen Betrieb unserer Praxis komplett lahm.
Es ging hier nicht nur um die telefonische Erreichbarkeit der Praxis, die zu gewährleisten ist. Nein, die Arbeit für die gesetzlich Versicherten kann 2026 ohne eine funktionierende Standleitung ins Internet nicht mehr erledigt werden.
Und derartige Störungen sind, wie ich von Kollegen erfahren musste, offenbar Alltag in Deutschland.
Informationsweitergabe, telefonische Rücksprachen mit Kollegen, Email-Kontakte mit Kliniken oder Zentren, die Planung von Untersuchungen bei Fachärzten - nichts geht mehr!
Von wegen: die Digitalisierung vereinfacht den Alltag! Wessen Alltag?
Stundenlanges angestrengtes Stieren auf eine flimmernde Bildoberfläche, um eine Maschine mit Informationen zu füttern, das wurde aus dem Arbeitsalltag einer ehemals voll ausgebildeten Arzthelferin. Aus einer anfangs durchaus sinnvollen Textverarbeitung ist ein Wimmelbild voll unnützer Daten geworden.
Daten, die wir in den Praxen Deutschlands täglich für die mehreren zehntausend Mitarbeiter der über 90 deutschen gesetzlichen Krankenkassen erheben dürfen.
Was niemand der Verantwortlichen hören will: im Praxisalltag sind das Fax und das Telefon immer noch die einzig funktionierenden Verbindungswege.
Und wie uns nun vor wenigen Wochen unter vorgehaltener Hand eröffnet wurde: das Fax sei ja überhaupt nicht datenschutzkonform! Ja, du lieber HIMMEL! Es wurde uns allen Ernstes empfohlen, für wichtige Befundübermittlungen auf die Post zurückzugreifen.
Wir schreiben das Jahr 2026. Demnächst fliegen hier wieder Brieftauben, da die Zustellung zu zeitaufwendig und, sorry, ebenfalls unzuverlässig ist. Wir sollten doch bitte endlich das Internet nutzen. Prima, wenn es denn funktionieren würde!
Der Alltag sieht ganz anders aus: wir gewährleisten täglich wie wohl viele meiner Kolleginnen und Kollegen, dass Patienten wegen akuter Beschwerden zeitnah in die Hausarztpraxis kommen können. Wenn Sie dann einen notwendigerweise dringenden Termin bei einem noch erreichbaren Facharzt brauchen, muss ich dort persönlich anrufen. Der Versuch, über die 116 117 eine vertrauensvolle ärztliche Beratung zu bekommen, scheitert viel zu oft.
Zu alledem kommen noch die chaotischen Zustände, die sich mittlerweile in den Notambulanzen unserer Kliniken abspielen. Dort sind Wartezeiten für Akutpatienten von 5 und mehr Stunden üblich. Eine Bankrotterklärung.
Natürlich rate man aus betriebswirtschaftlicher Sicht seit vielen Jahren, dass Klinikkapazitäten nach "sachgemäßer Überprüfung" abgebaut werden müssen: "Deutschland leiste sich ja seit Jahrzehnten ein viel zu teures und überbezahltes Gesundheitssystem." Seltsam genug, dass viele Patienten zuletzt von diesem teuren System eine nur ungenügende Behandlungsqualität erfahren.
ABER ! Nun soll Ihre elektronische Patientenakte, kurz "IiPiÄäi" (ePA), auf einem Computer irgendwo in der Welt den Durchbruch bringen.
Wir Ärzte werden per Gesetz dazu gezwungen, diesen elektronischen Ordner mit Ihren Gesundheitsdaten ab dem 1.10.2025 zu befüllen.
Bezahlung für diese ach so wichtige Mehrarbeit: NICHTS! Der zeitliche Aufwand meiner Arzthelferinnen und die andauernde Bildschirmarbeit WURDEN NIE adäquat und werden in Zukunft ÜBERHAUPT NICHT MEHR von den Krankenkassen entlohnt.
Damit ich mich den gesetzlichen Anordnungen nicht widersetze, werde ich mit Zwangsabgaben in 4-stelliger Höhe, also Strafzahlungen, bedroht! Und das, obwohl die Technik noch überhaupt nicht sicher funktioniert! Skandalös!
Mich plagen nach wie vor drei Tatsachen:
1. Die Technik ist nicht ausgereift, gemäß den Beweisen entsprechender Fachinformatiker (CCC) nicht sicher und wird Ihre Daten jedem zugänglich machen, der danach sucht.
Wussten Sie das?
Bereits 2020 wurde das sog. "Forschungsdatenzentrum Gesundheit" am BfArM, d.i. die offizielle Arzneimittelzulassungsbehörde Deutschlands, gegründet und erst mit Start der für uns Ärzte rechtlich verbindlichen Befüllung Ihrer IiPiÄäih am 9.10.25 eröffnet: eine "Stabsstelle", welche Ihre Krankheitsdaten und die entstandenen Kosten zu wissenschaftlichen Zwecken verarbeitet. Glauben Sie ruhig weiter an das Märchen, dass es dabei um die "Versorgungsforschung" mit dem Ziel einer "Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung" geht. Es ist wohl vielmehr das Ziel der staatlichen Datenkraken, Kosten und deren Verursacher besser zu erkennen, um danach Prozesse einer Kostenoptimierung zu starten (Meinung und Erfahrung d.Autors).
Natürlich, werden viele sagen, haben Sie ja nichs zu verbergen.
Aber wundern Sie sich bitte nicht, wenn Ihnen in Zukunft einfach mit dem Argument, Sie seien schließlich teurer als der errechnete Durchschnittspatient, Leistungen vorenthalten oder sogar in Rechnung gestellt werden. Und das ganz legal mit den mathematischen und "rechtsstaatlichen" Mitteln, die sich die Versicherungen auch mit Hilfe vieler dienstbarer Mediziner verschafft haben. Viel Erfolg mit Ihrem Widerspruch!
2. Die Probleme, die die Einrichtung und der laufende Betrieb der Digitalgeräte mit sich bringen, werden immer mehr Zeit und Nerven kosten; Energie und Geduld, die eigentlich Ihnen gehören, liebe Patientinnen und Patienten.
3. Es geht doch um unsere wichtigsten "Daten"!Informationen über unser Leben, unsere Gesundheit, Berichte, Krankheiten, Leiden und deren Therapien, die uns hilfreich und "teuer" gewordenen Behandlungsarten, Ergebnisse von Operationen und schließlich auch die tägliche Medikation der Menschen in unserem Land.
Wir sind keine durchnumerierten Dateneimer, wir sind lebendige, schützenswerte und würdige Mitglieder einer Gemeinschaft.
Daher verlange ich von den verantwortlichen Staats"dienern" (lat. Ministern), dass sie Kraft ihrer von uns gegebenen Gesetzesmacht ein System entwickeln, welches die Würde der Menschen nicht weiter aushöhlt, das Vertrauen ganzer Bevölkerungsschichten nicht weiter zerstört und primär die Leistungsträger, die direkt am Menschen arbeiten, adäquat entlohnt, denn es gibt keinen wichtigeren Dienst am Menschen als den sozialen Dienst.
Liebe Patientinnen und Patienten, ich bitte Sie, sich über die IiPiÄäih (ePA) zu informieren, damit Sie sich Gedanken machen, ob Sie in Zukunft täglich nackt und von jedem angreifbar über die Straße laufen oder sich diesem Kollektivwahn nach mehr Datenverkehr entziehen wollen.
Ich persönlich ziehe immer noch den persönlichen Kontakt und die Pflege von Menschen einer irre gewordenen Datenpflege vor.
Jeder gewissenhafte Arzt weiß:
Medizinische Befunde ohne vertrauenswürdige Erklärung sind gefährlich. Sie können missverstanden werden, sie können Ihnen Angst machen und das Vertrauen in das medizinische System erschüttern.
Es verlangt IMMER die Rücksprache mit einem Menschen, dem Sie zu vertrauen gelernt haben.
Das Anhäufen von Befunden ohne Wissen um den persönlichen Zustand des Patienten, die Auflistung von Medikamenten ohne Wissen um die behandelten Leiden und zuletzt die willkürliche Interpretation dieser Daten ohne persönlichen Kontakt mit Ihnen sind sinnlos.
Zudem wissen wir alle, dass diese Daten NICHT SICHER verwahrt werden, sobald sie in einer Datenbank liegen.
Ich empfehle Ihnen, sich Befunde von Ärztinnen oder Ärzten, denen Sie VERTRAUEN, erklären und sich eine Kopie in Papierform oder als Datenträger mitgeben zu lassen.
Hierdurch bleiben Sie alleine im Besitz Ihrer sensibelsten Daten, nur Sie haben die Kontrolle hierüber und nur Sie entscheiden, wer die Informationen teilt und mit Ihnen bespricht. Ich halte diese Vorgehensweise für alternativlos. Denn, es gibt mittlerweile eine ganze Datenindustrie, für die Sie nicht mehr sind als ein "sozial verträgliches Abbauprodukt"!
Sie dürfen sich entscheiden. Für Ihr Recht. Für ein menschenwürdiges Gesundheitssystem. Noch!
Ihr Hausarzt